Nutze die Free Cash Flow Yield – Vergiss das KGV!

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Viele Investoren nutzen das Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E Ratio) um den Preis eines Unternehmens schnell einschätzen zu können. Durch das Teilen des Aktienkurses mit dem Gewinn je Aktie erhalten wir mit dem KGV eine leicht zu verstehende Kennzahl, die uns den aktuellen Preis verschiedener Unternehmen miteinander vergleichen lässt. Das KGV beantwortet die Frage, nach wie vielen Jahren der Gewinn den Preis der Aktie bezahlt hat. Gibt es nicht eine andere, vielleicht viel zuverlässigere Methode um den Preis verschiedener Unternehmen auf einfache weiße zu vergleichen?

“Cash is a fact, profit is an opinion.”Alfred Rappaport
Oft wird gerade von angehenden Investoren/Anlegern dem Cashflow eines Unternehmens bei Weitem nicht genug Aufmerksamkeit gezollt. Der Cashflow, also Geldfluss eines Unternehmens ist mit dem Blutkreislauf des Menschen zu vergleichen. Verlieren wir zu viel Blut, ist das Ende nah. Ähnlich verhält es sich bei jedem Unternehmen. Denn kann ein Unternehmen nicht mehr genug Geldzuflüsse (Cash inflows) generieren, und diese vor allem behalten, wird es früher oder später seinen Betrieb einstellen müssen. Prinzipiell sagt uns also die Cash-Flow-Rechnung, ob ein Unternehmen mehr Geld einnimmt, als es ausgibt (positiver Cash-Flow), oder ob es mehr Geld ausgibt, als eingenommen wird (negativer Cash-Flow).

Weißt ein Unternehmen hingegen einen negativen Cashflow auf, gibt es hierfür schmeichelnde Namen wie Cash Loss oder Cash Drain. Völlig pragmatisch zeigt uns z. B. die Cash-Burn-Rate (Geldverbrennungsrate) wann ein Unternehmen voraussichtlich seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, sollte der negative Cashflow im gleichen Maße anhalten.

Ist man auf der Suche nach Solidität, sollte man Unternehmen die einen dauerhaften negativen Cashflow aufweisen, äußerst kritisch betrachten. Oft sind es sehr junge Unternehmen, deren Zukunft noch in den Sternen steht oder noch schlimmer, Unternehmen, deren Zeit bald abläuft, wenn sie nicht einen gravierenden Kurswechsel vornehmen. Ein negativer Cash Flow muss jedoch NICHT unbedingt schlecht sein. Dieser kann auch Ausdruck davon sein, dass das Unternehmen massiv investiert, um dadurch langfristig zu profitieren.

Wie man sieht, gibt es einiges zu beachten! Einen einfachen und sehr nützlichen Einstieg den Cash Flow zumindest rudimentär in deinen Analysen zu berücksichtigen, stellt die Free Cash Flow Yield dar. Bevor ich erläutere, wieso dir die Free Cash Flow Yield sehr nützlich sein kann, musst du allerdings verstehen, was der Free Cash Flow eines Unternehmens generell aussagt!

Was ist der Free Cash Flow?

Der Free Cash Flow ist der frei verfügbare Cash Flow! Frei verfügbar bedeutet hierbei nichts weiter, als der Betrag an Geld (liquide Mittel), der nach Zahlung aller Verbindlichkeiten (Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten, Lohnzahlungen, Betriebskosten, Kreditzahlungen, Investitionen usw.) der aktuellen Abrechnungsperiode, dem Unternehmen noch zur Verfügung steht.

Warum ist es wichtig, den Free Cash Flow zu beachten?

Hört sich fast so an als wäre der Free Cash Flow ähnlich dem Nettogewinn eines Unternehmens, was er jedoch nicht ist. Der Nettogewinn, woraus sich beispielsweise das sehr bekannte KGV berechnen lässt, ist durch verschiedene Wahlmöglichkeiten bei der Bilanzierung von Unternehmen stärker beeinflussbar. Ein Unternehmen kann sich somit schön oder hässlich rechnen. Wir als Investoren wollen aber die ungeschminkte Wahrheit herausfinden.

Die Geldflüsse (Cash Flows) müssen hingegen so abgebildet werden, wie sie tatsächlich stattgefunden haben, und können durch Bilanzierungstricks nicht in solchem Maß beeinflusst werden wie der Nettogewinn. 1000 € Einnahmen sind nun mal 1000 € Einnahmen! Drücken wir es so aus: Der Free Cash Flow ist „ehrlicher“ als der Nettogewinn eines Unternehmens, denn er zeigt uns, wieviel Geld tatsächlich zur Verfügung steht, nachdem alles bezahlt wurde.

Wie berechnet man den Free Cash Flow?

Zieht man vom Cash Flow aus laufender Geschäftstätigkeit (Cash Flow from Operations) die Investitionskosten (Capital Expenditures oder kurz CapEx) ab, erhält man den Free Cash Flow.

Berechnung Free Cash Flow

Alle diese Daten findest du im Cash Flow Statement (Kapitalflussrechnung) des Unternehmens! Alternative Berechnungsmethoden um den Free Cash Flow zu ermitteln findest du bei Wikipedia.

Vom Free Cash Flow zum Free Cash Flow Yield

Es gibt zwei Methoden, um vom Free Cash Flow zum Free Cash Flow Yield zu gelangen. Eine geläufigere anhand der Marktkapitalisierung (Market Cap) und eine etwas speziellere Methode anhand des Unternehmenswertes (Enterprise Value).

Die Free Cash Flow Yield zeigt uns, wieviel Prozent der aktuelle Free Cash Flow des Unternehmens, je nach gewählter Methode, entweder von der Marktkapitalisierung oder des Unternehmenswertes ausmacht.

Damit das Ganze etwas leichter vergleichbar ist, bilden wir aus diesem prozentualen Ergebnis eine Verhältniszahl (engl. Ratio). Genannt wird diese Verhältniszahl Free Cash Flow Ratio. Das Free Cash Flow Ratio verrät uns nun, wie viele Jahre das Unternehmen benötigt, um durch seinen Free Cash Flow, entweder die Marktkapitalisierung, oder den Unternehmenswert zu erwirtschaften. Je kürzer diese Periode ist, desto besser ist das natürlich für uns als Investoren. Schauen wir uns an, wie du das ganze berechnen kannst.

1. Free Cash Flow Yield anhand der Marktkapitalisierung

Die Marktkapitalisierung (Market Capitalisation) ist der gesamte aktuelle Börsenwert. Berechnen lässt sich die Marktkapitalisierung, indem man alle ausstehenden Aktien (sich im Umlauf befindende Aktien) mit dem aktuellen Aktienkurs multipliziert.

Die Formel zur Berechnung der Marktkapitalisierung lautet also:

Marktkapitalisierung

Die Free Cash Flow Yield erhältst du, indem du den Free Cash Flow durch die Marktkapitalisierung dividierst.

Die Formel für die Free Cash Flow Yield anhand der Marktkapitalisierung lautet:

Formel Free Cash Flow Yield (Market Cap)

Diese Vorgehensweise um die Free Cash Flow Yield zu berechnen ist daher geläufiger, da die Marktkapitalisierung weit verbreitet (auf vielen Finanzseiten angegeben) und zudem leicht zu bestimmen ist. Die Nutzung der Marktkapitalisierung zur Bestimmung der Free Cash Flow Yield ist dem KGV (P/E Ratio) ähnlich. Es wird lediglich nicht der Gewinn, sondern der Free Cash Flow als Zähler herangezogen. Wie wir bereits erfahren haben, ist der Free Cash Flow weniger manipulierbar als der ausgewiesene Gewinn, wodurch das Free Cash Flow Yield (berechnet mit der Marktkapitalisierung) dem KGV überlegen ist.

2. Free Cash Flow Yield anhand des Unternehmenswertes (EV) berechnen.

Die zweite Möglichkeit um die Free Cash Flow Yield zu berechnen, nutzt den Unternehmenswert (Enterprise Value oder kurz EV) anstatt der Marktkapitalisierung. Aufgrund dessen, dass der Enterprise Value bei seiner Berechnung die Schulden und Barmittel des Unternehmens mit berücksichtig, ist das Ergebnis genauer, wie wenn lediglich die Marktkapitalisierung für die Berechnung des Free Cash Flow Yields genutzt wurde.

Erklärung:
Warum soll nun der Unternehmenswert (Enterprise Value) die genauere Maßeinheit gegenüber der Marktkapitalisierung (Market Capitalisation) sein? Stellen wir uns dazu vor, wir wollen das gesamte Unternehmen kaufen. Werden uns die Schulden erlassen? Wohl kaum! Die Marktkapitalisierung ist also nicht ausreichend, wenn wir den Wert des Unternehmens bestimmen möchten. Wir müssen die Schulden, die wir gemeinsam mit dem Unternehmen erwerben, berücksichtigen, da wir diese letztendlich bezahlen müssen. Wir addieren diese also zur Marktkapitalisierung. Mit dem Bargeld verhält es sich genau andersherum! Kaufen wir das Unternehmen bekommen wir natürlich auch den Barmittelbestand. Diese Barmittel verringern demnach unseren Kaufpreis!

Wenn dir der Enterprise Value nicht gegeben ist, musst du diesen zuerst berechnen.

Die Formel zur Berechnung des Unternehmenswertes (EV) lautet:

Enterprise Value Berechnung

Daraus ergibt sich die Formel:

Free Cash Flow Yield (EV)

Die Berechnung des Free Cash Flow Yield´s anhand des Enterprise Value ermöglicht es dir Unternehmen über mehre Branchen hinweg zu vergleichen, auch wenn diese sich in ihrer Kapitalstruktur unterscheiden.

Das bilden von Verhältniszahlen – Aus Yield wird Ratio!

Wie bereits erwähnt, wollen wir aus dem Yield eine Verhältniszahl (Ratio) bilden, um leichter mit dem KGV vergleichen zu können.

Die Formel zur Berechnung des Free Cash Flow Ratio´s lautet:

Free Cash Flow Ratio

Bilde das Ratio für beide Methoden (also Marktkapitalisierung und Unternehmenswert).

Nun wenden wir unsere Zahlen an – It´s all about practice!

Um das Ganze etwas praxisnäher zu gestalten, schauen wir uns hierzu das P/E Ratio und die Free Cash Flow Yield (berechnet anhand der Market Capitalisation sowie dem Enterprise Value) verschiedener Unternehmen an.

Hinweis:
Die Zahlen sind von realen Unternehmen. Um jedoch niemanden zum Kauf oder Verkauf zu animieren, nenne ich diese nicht! Es geht lediglich darum dir die funktionsweise des Free Cash Flow Yield´s zu verdeutlichen und zu zeigen, wie dir dieses nützt.

Praxisbeispiel 1:

Aktuell ist unser erstes Unternehmen mit einem KGV von 36 ziemlich hoch bewertet. Das heißt, es dauert 36 Jahre, bis der Gewinn die aktuelle Marktkapitalisierung bezahlt hat. Ganz schön lange, zumindest wenn der Gewinn die nächsten Jahre nicht stark wächst oder der Kurs stark fällt. Doch wie sieht die Situation aus, wenn wir unsere beiden Varianten des Free Cash Flow Yield´s betrachten?

Unternehmen 1 
Aktuelles Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E Ratio)36.22
Cash Flow aus laufender Geschäftstätigkeit29,08 Mrd.
Investitionskosten (CapEx)5,94 Mrd.
Free Cash Flow23,14 Mrd.
Marktkapitalisierung (MarketCap)404,80 Mrd.
Free Cash Flow Yield (Market Cap)5,70 %
Free Cash Flow Ratio (Market Cap)17,5
Unternehmenswert (EV)347,35 Mrd.
Free Cash Flow Yield (EV)6,60 %
Free Cash Flow Ratio (EV)15,15

Wie du siehst, ergeben sich völlig andere Verhältnisse! Das Free Cash Flow Ratio, berechnen anhand der Marktkapitalisierung zeigt uns mit 17,5 deutlich, dass das Unternehmen lange nicht so teuer ist, wie es uns das KGV vermittelt! Wenn wir nachforschen woran das liegt, erfahren wir, dass das Unternehmen gerade eine große Abschreibung vorgenommen hat, wodurch der Gewinn stark gesunken ist. Dem Free Cash Flow ist das jedoch egal, denn der abgeschriebene Wert wurde bereits in der Vergangenheit bezahlt. Die Gewinnminderung ist demnach nur buchhalterisch!

Anmerkung bzgl. außerplanmäßiger Abschreibungen:
Kommen häufiger große, außerplanmäßige Abschreibungen (z. B. von akquirierten Unternehmen) vor, stellt sich natürlich die Frage, wie fähig das Management ist. Fehlinvestitionen sind natürlich eine Ressourcenverschwendung. Was soviel bedeutet, dass das Management schlecht mit dem Geld der Aktionäre umgeht!

Nutzen wir nun auch noch den Unternehmenswert für die Berechnung des Free Cash Flow Ratio´s sinkt das Verhältnis nochmals auf 15,15. Das liegt daran, dass das betreffende Unternehmen deutlich mehr Geld in der Kasse hat, als Schulden bei der Bank! Natürlich ist das Free Cash Flow Ratio (EV) mit 15,15 kein super Schnäppchen, aber auch lange nicht so stark überbewertet, wie wenn wir nur das KGV berücksichtigt hätten.

Praxisbeispiel 2:

Unternehmen zwei scheint mit einem KGV von 5 schon ein richtiges Superschnäppchen zu sein! Nur 5 Jahre und das Unternehmen hat soviel Gewinn erwirtschaftet, das es den gesamten Börsenwert bezahlen könnte. Wow, hier müssen wir wohl sofort eine große Stückzahl kaufen. Beleuchten wir das ganze jedoch zuvor mit Hilfe des Free Cash Flow Yield´s bevor wir uns eine endgültige Meinung bilden.

Unternehmen 2 
Aktuelles Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E Ratio)4,97
Cash Flow aus laufender Geschäftstätigkeit11,978 Mrd.
Investitionskosten (CapEx)7,874 Mrd.
Free Cash Flow4,104 Mrd
Marktkapitalisierung (MarketCap)45,38 Mrd.
Free Cash Flow Yield (Market Cap)9,04 %
Free Cash Flow Ratio (Market Cap)11,06
Unternehmenswert (EV)88,19 Mrd.
Free Cash Flow Yield (EV)4,65 %
Free Cash Flow Ratio (EV)21,05

Das Free Cash Flow Ratio von 11, berechnet anhand der Marktkapitalisierung zeigt uns bereits, dass das Unternehmen nicht so günstig ist, wie es uns das KGV weißmachen möchte. Wobei ein Free Cash Flow Ratio von 11 immer noch recht günstig ist! 11 Jahre und der Free Cash Flow hat die Marktkapitalisierung bezahlt. Durchaus noch akzeptabel.

Nutzen wir nun den Unternehmenswert (EV) zur Berechnung des Verhältnisses sieht die Sache ganz anders aus. Das Unternehmen benötigt 21 Jahre, bis der freie Cash Flow den tatsächlichen Unternehmenswert erwirtschaftet hat. Mhm, wohl doch kein Superschnäppchen!

Warum aber schnellt das Free Cash Flow Ratio (EV) in diesem Fall so stark nach oben? Weil das betreffende Unternehmen einen immensen Schuldenberg hat, den es mit sich rumschleppt! Der Schuldenberg (nach Abzug der Barmittel) ist fast genauso hoch wie der gesamte Börsenwert. Glaub mir, sowas willst du dir nicht in dein Portfolio legen. Also Finger weg!

Praxisbeispiel 3:

Mit einem KGV von knapp 13 ist Unternehmen 3 nicht wirklich teuer. Wenden wir jedoch besser die Free Cash Flow Yield an. Nicht dass wir ein Unternehmen wie aus unserem zweiten Beispiel vor uns haben.

Unternehmen 3 
Aktuelles Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E Ratio)12,93
Cash Flow aus laufender Geschäftstätigkeit12,552 Mrd.
Investitionskosten (CapEx)1,227 Mrd.
Free Cash Flow11,325 Mrd.
Marktkapitalisierung (MarketCap)131,44 Mrd.
Free Cash Flow Yield (Market Cap)8,61%
Free Cash Flow Ratio (Market Cap)11,61
Unternehmenswert (EV)95,66 Mrd.
Free Cash Flow Yield (EV)11,83%
Free Cash Flow Ratio (EV)8,45

Das Free Cash Flow Ratio anhand der Marktkapitalisierung beträgt aktuell 11,6. Das bedeutet, dass das Unternehmen sogar etwas günstiger bewertet ist, wie nach dem Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das Free Cash Flow Ratio berechnet anhand des Unternehmenswertes (EV) drückt die 11,6 sogar nochmals deutlich auf ein Verhältnis von 8,5.

Warum ist das so? Weil das Unternehmen viel mehr Barmittel als Schulden hat. Für uns bedeutet das, dass das Unternehmen innerhalb von 8,5 Jahren seinen gesamten Unternehmenswert durch seinen Free Cash Flow (also dem real zur Verfügung stehenden Geld) bezahlt hat. Scheint so, als haben wir hier eventuell ein richtiges Schnäppchen gefunden. Bahn frei für weitere Analysen!

Wichtig:
Niemals darfst du deine Entscheidung für oder gegen ein Investment nur an einer Kennzahl festmachen! Auch nicht an der Free Cash Flow Yield. Kombiniere das Free Cash Flow Yield mit weiteren Bewertungsmethoden. Idealerweise mit solchen, die dir ein reales Bild des Unternehmens zeigen.

Fazit zum Free Cash Flow Yield

Wie du siehst, ist auf das KGV nicht wirklich verlass. Das liegt daran, das der Gewinn eines Unternehmens durch buchhalterische Wahlmöglichkeiten recht leicht in die ein oder andere Richtung beeinflusst werden kann. Der Cash Flow zeigt uns hingegen die Realität! Du solltest daher das Free Cash Flow Yield (in beiden Varianten) nutzen, da es die deutlich bessere und vor allem zuverlässigere Maßeinheit für die fundamentale Performance eines Unternehmens liefert, als das KGV.

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